"Jeder der sprechen kann der kann auch singen"
Harry Rag über Deutschen Herbst, Dada, Geschäftsideen und Popol Vuh


Du bist 1977 von der Schule geflogen und hast eine Malerlehre begonnen. Eigentlich eher trübe Aussichten. Waren das auch mit Gründe, die dich zum Punk haben werden lassen?

Nein, das passt ja alles super zusammen. Von der Schule bin ich in dem Sinne ja nicht geflogen. Ich bin mehr oder weniger freiwillig gegangen, weil ich keine Lust mehr hatte. Ich wollte lieber mit dem Moped herumfahren und Musik hören. Die Malerlehre habe ich nur deswegen angefangen, weil dass das Einzige war wo ich innerhalb von 4 Wochen eine Lehrstelle bekommen konnte. Ich musste also im September 1977 eine Lehre anfangen und hatte bis August noch nirgendwo angefragt. Ich wusste auch nicht, dass ich Maler werden will. Ich hab das einfach nur gemacht weil ich eine Lehrstelle finden musste. Dadurch das mein Vater Malermeister ist habe ich dann eine Lehrstelle bei einer großen Firma in Düsseldorf bekommen. In Düsseldorf war ich natürlich am Nabel der Zeit, mit den ganzen Bands, dem Ratinger Hof und den ganzen Konzerten. Wir haben ja dann selbst ein Label (Pure Freude) gemacht, einen Plattenladen aufgemacht und Konzerte organisiert. Dann sind wir auch nach Berlin gefahren, haben die Berliner kennengelernt. Die Musiker von da kamen dann auch zu uns und haben Konzerte in Düsseldorf gegeben. Der Kontakt nach Berlin und auch nach Hamburg war sehr schnell da. Das waren eigentlich die drei Städte wo etwas passierte... ein bisschen vielleicht noch Köln, aber das ist eine andere Geschichte.


Musikbegeistert warst du wohl schon immer? War Punk die musikalische Weiterentwicklung die in der Luft lag?

Ich war 1977 schon 18, relativ alt, die Engländer waren ja alle so 14-15. Es war ja auch in England schon alles zwei Jahre im Gange, bevor wir das in Deutschland so richtig geschnallt hatten. Ich hatte Anfang der Siebziger so Sachen wie T. Rex, Cockney Rebel, Deep Purple gehört...Uriah Heep, Slade...alles das und immer auch viele Platten gesammelt. Dann kamen so Genesis, Yes der ganze Kram.
Die Begeisterung für Musik war immer da, es tauchten dann noch King Crimson auf und ich bin auf Can aufmerksam geworden. Die beiden waren es, die mich schon sehr stark interessierten. Im selben Moment kam dann Punk und irgendwie konnte ich das zusammenbringen. Zumindest das eigene Interesse am Experimentieren konnte man im Punk dann durchführen, das hat der Punk eigentlich ermöglicht und das war ja das Schöne. Ich konnte nicht singen und auch keine Musik machen, weshalb die ersten Stücke auch eher so Punksongs im klassischen Sinne geworden sind. Man wollte ja auch etwas sagen. Ein gewisser Protest lag schon in der Luft. Es gab damals die Schleyer-Entführung und Deutschland war in Überwachungshysterie. Es wurden ja alle, gerade in Nordrhein-Westfalen, vom BKA observiert. Der deutsche Herbst.


Klingt ziemlich düster. Gab es da so eine gewisse Endzeitstimmung?

Düster vielleicht in dem Sinne, dass man so ein Schwarz-Weiß-Bild vor Augen hatte. Ansonsten gab es damals genau so viele hübsche Mädchen wie heute (lacht). Es gab aber schon so eine allgemeine Frustration, nicht nur in Deutschland, sondern auch in England oder Frankreich. Der Punk kam ja synchron überall hoch. Es hängt ja auch sehr damit zusammen in welchem Alter man Musik hört. Ich war damals 18, also eigentlich schon aus der Pubertät raus, aber ich habe das durchaus als so eine Art neuen Wind erfahren. Manche Leute brauchen eben ein bißchen länger bis sie sagen das mache ich jetzt. 1974 als ich 15 war gab´s noch keinen Punk, da habe ich eben Udo Lindenberg gehört. Mit Punk habe ich so „Boff!“ einen richtigen physischen Wind, eine Welle abgekriegt. Das hat mich richtig begeistert und deshalb hab ich neu angefangen. Für sich überhaupt erstmal anzufangen, selbst die Idee zu bekommen, dass ich auch selber Musik machen kann. Nicht nur zugucken und sammeln sondern selber machen. Ein guter Effekt.


S.Y.P.H. entstanden ja wohl auch sehr spontan?

In gewissem Sinne ja. Wir hatten ein halbes Jahr bevor wir das erste Mal aufgetreten sind immer davon geredet das wir eine Band haben und keiner hat uns geglaubt. Wir hatten zwar Songs und haben die an die Wände gemalt, Texte vorgelesen und die zu zweit gesungen. Wir kannten sogar schon die Melodien, aber de fakto mit Gitarre und Schlagzeug hat uns noch keiner gehört, geschweige denn, dass es Aufnahmen von uns gab. Irgendwann dachten alle das sind drei Neunmalkluge aus Solingen, die sich da irgendwas ausgedacht haben.
Dann kam es zum ersten großen Festival und da sind wir dann tatsächlich als Band aufgetreten, mit allem Drum und Dran, mit Gesangsanlage, Schlagzeug und zwei Gitarren. Da waren alle völlig baff. Wir hatten auch ein Set mit Stücken, die wir im Proberaum geübt hatten. Wir haben das richtig ernst genommen. So sind mehr oder weniger alle Bands entstanden...aus einer kleinen Initialzündung. Es ging bei uns darauf zurück, dass sich der Gitarrist (Uwe Jahnke, Anm.) und ich schon eineinhalb Jahre früher oft zuhause getroffen hatten und auf Kassettenrekorder so Experimente aufgenommen haben. Das war noch bevor wir Punk überhaupt kannten. Wir haben Tapes aufgenommen mit akustischer Gitarre, Radiogeräuschen und so´n Zeugs... sehr experimentelle Sachen. Später haben wir den Spaß daran, solche Sachen zu machen, bei S.Y.P.H. einfließen lassen.


Was hat deine Texte beeinflusst? Dada?

Indirekt. Dada ist immer so ein Begriff gewesen der so wahnsinnig hoch stand, gerade auch in Punkzeiten, aber auch schon vorher. Ich hatte mich eher für Surrealismus interessiert, bin auch mal Dali begegnet und wollte auch Max Ernst besuchen. Dieser Dada-Begriff war natürlich auch da, aber ich muss sagen, immer wenn ich mich damit beschäftigt habe bin ich nicht besonders fündig geworden. Immer so 3-4 Photos, immer so eine unsägliche Auflistung von Namen die wichtig gewesen sein sollen im Dada, dann noch zwei Gedichte und das war´s.
Irgendwie muß diese Bewegung so zweineinhalb Monate gedauert haben und irgendwo in einem Hinterzimmer einer Kneipe stattgefunden haben... ich weiß es nicht. Die Bewegung ist historisch extrem überbewertet und hatte auch keinen großen Einfluss, die war bloß da. Im Verhältnis zu heute betrachtet waren die schon sehr weit vorne, okay, aber viele waren schon sehr weit vorne (lacht). So gesehen hat mich das nicht besonders beeindruckt.


Mark Perry erwähnt in seinem Vorwort zum „Sniffin´Glue“ Compendium, dass er während der Punkzeit seine Platten, die er vorher bereits gehört hat, immer noch gut fand, nur durfte man das niemandem erzählen weil man sonst gleich „out“ gewesen wäre. War das bei euch damals genauso?

Ja klar, die Hälfte der Bands die man gehört hat konnte man durchaus noch weiterhören. Es gab für eine kurze Zeit so eine Art generelles Hörverbot für alles. Es durfte keine Orgel in der Band sein und es durfte keiner einen Bart haben... eigentlich war alles unerlaubt. Aber innerhalb von 10 Minuten oder einem halben Jahr war das schon klar, dass man Bands wie Can, die Stooges, die sofort hochgelobt wurden, nicht fallen lassen kann. Die erlebten ja eine große Renaissance. Bowie wurde auch noch akzeptiert. Was aber absolut nicht akzeptiert wurde waren Yes, Gentle Giant, Genesis...Genesis war wirklich die Krönung des Hasses oder Emerson Lake & Palmer, Supertramp.
Aber so Sachen wie die Kinks, Stones oder Beatles haben überlebt, obwohl die Stones relativ lange out waren. Ich liebe sie eigentlich bis heute noch nicht (lacht). Bei den Beatles hat man recht schnell gemerkt, dass John Lennon eigentlich ein Punk war und das das Weiße Album der Beatles eigentlich ganz klasse ist. Die Kinks sowieso, deren Stücke wurden auch sofort nachgespielt...“You Really Got Me“, „I´m Not Like Everybody Else“. So gesehen gab´s ein paar Bands die man locker mit rübernehmen konnte und von einigen Bands musste man sich verabschieden. Die einzige Bombast-Band die überlebte waren Pink Floyd, weil die alten Sachen mit Syd Barrett so extrem gut waren.


Sehr lustig fand ich ja die Story in „Verschwende Deine Jugend“, dass du eigene, „rare“ Singles gebastelt hast, die es gar nicht gab, um gegen das Sammlergehabe einiger Leute aus der Szene vorzugehen.

Es lief ja immer so ein gewisser Machtkampf. Wenn du jetzt das literarische Quartett nimmst, da sitzen dann 4 Deppen und jeder meint er wäre der Beste. Die reden solange bis jeder seinen Freiraum hat und dann bleibt er innerhalb seines Freiraumes bestehen. Wenn im Ratinger Hof einer gesagt hat, das kann man nicht machen oder das kann man nicht hören ,weil das doch total out ist, dann musste man eben einfach versuchen einen Weg zu finden seinen eigenen Kreis aufzubauen, wo das eben nicht out war sondern durchaus akzeptabel. Es gab da auch keinen Pabst der alles bestimmt, sondern es war schon so eher eine Gruppendynamik. Wenn ich sage es gab ein Hörverbot, dann meine ich das auch mit einem lachenden Auge. Die alte Musik wurde einfach auch nicht mehr gehört weil wir viel, viel mehr Spaß hatten mit den neuen Sachen und die kamen so schnell heraus, dass man überhaupt nicht mehr dazu kam sich mit den alten zu befassen.


Würdest du sagen das Punk damals politisch war?

Politischer als alle andere Musik, die es zu der Zeit gab. Vielleicht war Popol Vuh politisch, obwohl ich die nie gehört habe, einfach aus der Art und Weise heraus wie sie Musik gemacht haben und der Hintergrund ganz einfach politisch war. Die meisten die Songs geschrieben haben oder Rockmusik mit irgendwelchen Texten, die waren meines Erachtens nicht politisch, weil sie das lediglich inhaltlich versuchten umzusetzen und nicht formal.
Die Punks, zumindest in Düsseldorf hatten ein starkes Interesse auch formalästhetisch etwas zu verändern. Mittagspause stark mit diesem maschinellen Rhythmus, DAF mit den Sequenzen und bei uns war das eben mit Improvisationen und schiefen Tönen, um so eine Art Unhörbarkeit zu produzieren, die im Radio nicht gespielt wird. Wenn sie jedoch gespielt wird sofort zu einem Politikum wird, weil sie direkt den Mainstream ausgrenzt, weil sie ihn abschaltet. Das war natürlich der Traum, dass die Musik gespielt wird. Wir wurden dann aber de fakto nicht mehr gespielt, sondern schön klingende, also langweilige Musik. Zumindest für mich war das damals so. Da gab es schon einen ganz eklatanten politischen Bezug und natürlich auch in den Texten. Da sind sich Abwärts, Einstürzende Neubauten und S.Y.P.H. in den ersten Texten sehr ähnlich, da gab´s eine ganz klare politische Haltung, auch bei Fehlfarben und anderen.


Würdest Du sagen, daß Punk es geschafft hat der Kunst wieder eine relevante Position im Alltag zu geben?

Ich persönlich empfand den Ursprung von den ganzen Punk-Songs aus England, von uns in Deutschland, von mir persönlich und auch den Leuten die ich kannte alles andere als Kunst machen zu wollen. Es gab hier und da welche, die kamen aus der Kunstszene, die haben auch direkt von Anfang an sehr radikale Sachen gemacht. Platten wo überhaupt nichts drauf ist oder nur eine Endlosrille oder nur ein Ton. Radikale Statements abgegeben, das gab´s schon, aber an sich wollte man keine Kunst machen. Man wollte etwas von sich geben, politisch, was persönliches und auch versuchen eine eigene Handschrift zu finden, aber das im Rahmen der Musik. Für die meisten Punkbands, die eine Rockstruktur hatten mit Instrumenten und Gesang, war es einfach der Versuch in Deutschland mal eine eigene Rock- oder eben auch Punkmusik zu machen. Und die Leute die Punk gehört haben waren wirklich Punks, die Outlaws die keine Lust mehr hatten auf Schule und so. Später gab es dann auch den Partyeffekt mit der Ska-Musik, Ian Dury und Madness. Da haben dann auch die Abiturienten mitgetanzt, mit The Cure und all dem.
Ganz am Anfang war das doch eine harte Sache mit The Clash oder den frühen Jam. Das war ein kleiner Kreis von Quertreibern die das gehört haben, aber in dem Sinne keine Künstler. Die meisten Künstler die ich kennengelernt habe, haben eher Klassik oder Jazz gehört. Die sind natürlich sehr schnell auf den Trichter gekommen. Ha, da tut sich was, das hören wir uns auch mal an. Letztendlich hat ja dann jeder Punkrock gehört. In England haben es ja auch die Leute wider Willen gehört, die es partout nicht haben wollten. Es kam dort keiner mehr um die Sex Pistols herum. Die wurden ja erst zum Politikum und letztendlich sind sie mit „God Save the Queen“ ja auch in der Hitparade gelandet. Das war dann schon eine richtig populäre Sache und kein elitärer Kreis.

Es gab ja parallel auch Bands wie Throbbing Ghristle, Cabaret Voltaire, The Normal mit Daniel Miller von Mute Records mit teilweise elektronischen Ansätzen, Die hatten ja ein ganz anderes Spektrum und gingen in eine ganz andere Richtung. Die brauchten natürlich auch länger um sich zu entwickeln. Da hat sich sich viel heraus entwickelt, die Vorläufer von Techno kann man da ausmachen.
Was sehr schnell vorbei war, war die Position die die Pistols oder die Clash mit ihren ersten Platten eingenommen hatten. Das war dann sehr schnell vorbei, weil die ja auch mit in diesem Hitparadezyklus drin waren. Die waren auf Majorlabels, Virgin und CBS, hatten also Budget/Etat und haben dann auch Hitparadensingles gemacht... besonders Clash. Die anderen Bands haben da dann auch mitgemacht. Die Buzzcocks hatten Hit-Singles. Wire haben sich da ein bißchen herausgehalten. Es gab eigentlich sämtliche Spielarten.


War die Entscheidung auf Deutsch zu singen ein bewusster Schritt, um sich von England und den USA abzusetzen oder war es die einfachste und direkteste Methode für euch sich auszudrücken?

Es machte irgendwie Sinn. Ich hatte am Anfang so ein Fanzine aus Düsseldorf („The Ostrich“, Anm.) gelesen und war ganz begeistert davon und habe den Herausgeber, den Franz Bielmeier dann direkt angesprochen um ihm zu sagen, dass ich das ganz toll finde was er da so macht, mit Fanzine und seiner Band. So irgendwas in die Richtung möchte ich auch machen, aber ich kann nicht singen. Franz meinte dann, das ist doch Quatsch, jeder der sprechen kann der kann auch singen. Ich dachte mir, stimmt ja eigentlich und dann war es der nächste Schritt zu sagen wenn ich schon singe wie ich spreche, nämlich auf deutsch, dann singe ich auch auf Deutsch. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass das Spaß macht und das ich auch damit umgehen kann. Bei den drei oder vier englischen Texten, die ich versucht habe zu schreiben, bin ich immer vom Vokabular her sehr schnell an meine sprachlichen Grenzen gestossen. Außerdem hast du grammatisch unheimlich viele Fehler drin, wo jeder Engländer sofort merkt, das ist ja fürchterlich. Es macht also absolut Sinn in der Muttersprache zu singen oder zu schreiben , aber es ging ja auch um deutsche Themen. Es ging um Themen, die ich in Deutsch ausdrücken wollte. Der Effekt beim Publikum war der, dass die mitgekriegt haben um was es da geht. Die haben zwar vielleicht nicht den ganzen Text verstanden, weil die Gesangsanlage zu schlecht war oder ich zu ungenau gesungen habe, aber man bekam trotzdem mit, dass da jemand auf Deutsch singt und der will auch etwas ausdrücken. Das hat dazu geführt, dass das Interesse vom Publikum da war. Eine gewisse Direktheit, Nacktheit wo das Publikum eher sagt: Ah, das interessiert mich, da kann ich etwas mit anfangen. Auf Englisch wäre da wieder eine gewisse Distanz, ein Filter dazwischen, der unnötig ist. Eigentlich war man sich da bei allen Bands einig auf Deutsch zu singen.


Was ist von deinen damaligen Punkidealen heute noch übriggeblieben?

Man versucht natürlich alles was man so gemacht hat vor sich selbst persönlich zu rechtfertigen. Eigentlich habe ich es versucht, daß meine Entwicklung ein logischer Weg ist. Dieser Weg hat damals angefangen, aber die Person die damals losmarschiert ist, die ist heute immer noch am Gehen und immer noch dieselbe Person die unterwegs ist. Ich hab es ja nahtlos von der Musik zum Film übergehen lassen. Erst ist das jahrelang parallel gelaufen, dann habe ich die Musik in meine Filme eingebaut oder Filme über die Musik gemacht. Sowohl über andere, als auch über S.Y.P.H. Das ging alles Hand in Hand. Musiker von S.Y.P.H. haben auch Filmmusiken für mich gemacht. Die Haltung die hinter den Filmen steckte war dieselbe die ich bei der Musik hatte. Ich habe Filme über Damo Suzuki, Lee Perry oder die Sex Pistols gedreht, Musikerportraits oder Videoclips, wo ich also im Grunde genommen weiterhin in diesem Gebiet arbeite. Aber einfach auch weil ich das besser kann als wie direkt Musik machen und weil ich mit Filmen natürlich auch Geld verdienen kann, von dem ich vielleicht wieder ein halbes Jahr lebe. Solche Filme können dann auch wieder andere Sachen bewirken: Filmusik wird hergestellt, wird finanziert und es gibt einfach Geld um etwas zu machen. Das ist ja nach wie vor das Problem als Punkband oder bei S.Y.P.H., wir haben ja null Pfennig um etwas zu machen. Uns gibt ja keine Plattenfirma auch nur irgendwas. Unsere Musik ist nach wie vor so extrem individuell und passt in keine Schublade. Wir selber haben ja auch kein Geld. Mit Jojo Wolter sind wir jetzt nur noch zu zweit und wir leben beide so von der Hand in den Mund. Das fängt beim Instrumentenkauf an, geschweige denn von Studioaufnahmen wo du noch einen Engineer bezahlen musst, Vorkosten hast, um dann selbst eine CD zu pressen, die sich dann nicht verkauft. Solche Risiken können wir uns eigentlich gar nicht mehr leisten.
Wenn ich also durch einen Film etwas bewerkstelligen kann, dann ist das schon ganz gut. Das ist jetzt schon öfters passiert. Über den Fim kommt ein Soundtrack heraus, der Musiker kann über die Filmmusik etwas verdienen und überhaupt kann die Musik erst entstehen. Da geht noch etwas.


Im Booklet zur „Ungehörsam“ CD bezeichnet dich Campino von den Toten Hosen als Außenstehenden der Szene, der eigentlich immer beobachtet hat, weshalb er deinen Wechsel von der Musik zum Film als logischen Schritt ansieht. Kannst du nachvollziehen was er damit meint?

In gewissem Sinne schon, weil ich mich damals schon in einer eigenen Wolke bewegt habe. Beispielsweise sind damals schon viele Punks in Lederjacken, Springerstiefeln, Creepers, Jeans mit Reissverschlüssen, Badges, bunten Haaren etc. herumgelaufen. Das gab´s von Anfang an, um gleich zu sehen „Aha, das ist ein Punk!“. Ich habe das damals ganz anders gemacht und bin in einem schneeweißen Overall herumgelaufen, auf dem überhaupt nichts drauf war. Es sah aus wie die Arbeitsuniform von jemandem aus dem Atomkraftwerk. Ich hatte blonde Haare, die auch nicht gefärbt und nicht sonderlich geschnitten waren. Ich habe mich davon schon von Anfang an auch optisch abgesetzt. Das meint er vielleicht mit „außenstehend“. Von dem kleinen Kreis den es damals gab habe ich mich schon abgesetzt. Nicht demonstrativ, sondern aus dem Gefühl heraus, dass doch auch in so einer kleinen Gruppe jeder zusehen sollte, dass er ein Individuum bleibt. Man rebelliert zwar innerhalb einer Gruppe gegen die Gesellschaft, deshalb muss aber doch innerhalb der Gruppe nicht jeder gleich aussehen. So ähnlich war es auch mit der Musik. Wobei ich mich inhaltlich und auch was die Musik betrifft nicht als zentrale Figur, aber doch sehr nahe des Zentrums empfand. Da gab es auf jeden Fall einen intelektuellen Austausch mit den Sängern der anderen Bands über Texte und was man so macht. So gesehen empfand ich das nicht als „außenstehend“. Ich hatte wahrscheinlich eine andere Perpektive auf die Sachen.


Mal was anderes: Was genau hast du denn am Set von David Lynchs „Blue Velvet“ getrieben?

Da war ich ganz einfach jeden Tag, drei Monate lang, am Set bei den Dreharbeiten. Ich hab zugeguckt, auf Super-8 gefilmt, Töne gesammelt, weit über 1000 Fotos gemacht. Daraus ist dann ein Dokumentarfilm geworden („No Frank In Lumberton“), der einmal im ZDF lief. Das war übrigens auch ein Punk-Film. Der hat sofort die Redaktion gespalten und es gab auch üble Verrisse in der Süddeutschen und der FAZ. „Wüster Bildersalat“ wurde da geschrieben. Die Leute haben sogar nachts bei meinen Eltern angerufen und sich beschwert, dass so etwas im deutschen Fernsehen läuft. Ich wurde bedroht und so. Das ist ein echter Punk Film und da kann man auch sehen, dass ich im Grunde genommen die Ideen, die ich beim Punk hatte im Film weiter verfolgt habe. Das war 1988, zehn Jahre nach dem Ratinger Hof. Leider hat das aber weder die Musik- noch die Filmszene wahrgenommen. Die Filmszene konnte damit nichts anfangen weil die dachten Film ist was anderes, aber ich hab immer gedacht man könnte auch Punkfilme entwickeln. Ich habe dafür auch genug Beispiele gefunden, wie bei Godards „Weekend“ oder Bunuel-Sachen und zum Glück auch David Lynch. Auch Faßbinders „Die Dritte Generation“. Der war ja immer direkt auf dem Laufenden was Musik betrifft. In einem seiner Filme hat er Musik von Suicide benutzt. Da konnte man spüren, dass er durchaus in der Lage ist diesen Punkbegriff, so wie ich das gesehen habe, auch in den Film zu übersetzen. Das der Film an sich sperrig ist, provokativ und wirklich den Zuschauer fordert. Aber eben nicht nur aus Selbstzweck, so wie Greenaway das macht, sondern wirklich mit einem Grund, um auf etwas hinzuweisen, um auf idiotische Zustände in der Gesellschaft hinzuweisen und das auch nicht so schön zu verpacken wie bei „Gegen die Wand“ sondern eher so wie bei „Weekend“. Der Film war 1970 der absolute Schock. Solche Filme hab ich dann als Vorbild genommen...auch „Performance“ von Nicolas Roeg und „Eraserhead“. So gesehen dachte ich schon, dass man in Deutschland Spielfilme machen kann, die aus dieser Punkidee heraus kommen und die auch ein Publikum haben.

Leider bekommst du mit sowas ja kein Drehbuch gefördert. Da geht´s dann nicht mehr um kleine Indie-Labels die dich ablehnen, da gehts um Banken die dich ablehnen. Wenn du denen sagst „Ich hab´ ne Geschaftidee“ und die fragen „Ja wie heißt die denn?“ und du sagst „Ja,... Nieder Mit Deutschland!“, dann sagen die „Da geben wir ihnen nichts für, an die Geschäftsidee glauben wir nicht (lacht), haben sie nicht was anderes?“ Das macht es natürlich ganz schwierig solche Ideen in Spielfilmen unterzubringen, weshalb ich ganz automatisch zum Dokumentarfilm gekommen bin. Der beinhaltet die persönliche Auseinandersetzung, man kann sich experimentell äußern, Das ist eben so eine Nische. Das heißt aber nicht, dass ich nicht doch noch einmal vielleicht einen Spielfilm machen möchte. Es muss halt irgendwann einmal die richtige Person in der Filmförderung sitzen, die mir vertraut. Die Leute vertrauen ja immer nur Drehbüchern, irgenwelchem geschriebenen Papier und wundern sich, dass da dann später blöde Filme bei rauskommen. Das ist das Problem, speziell in Deutschland.


Hast du eigentlich irgendwas von der Punk-Szene in Slowenien oder generell dem Ostblock mitbekommen?

1992/93 war ich die ersten Male in Slowenien, aber bewusst erst so ab 1995. Ich hab dann sehr schnell alles hier mitbekommen. Das ist ja hier so groß wie Wilmersdorf (Stadtteil von Berlin, Anm.). Du lernst sehr schnell alle Musiker und Bands kennen und jeder ist hier, ich sag´s mal ein bißchen übertrieben, „genial“, „berühmt“, „legendär“ und jeder hat eine Platte gemacht. Das ist nicht nur in Slowenien so, sondern in ganz Jugoslawien. Die Musik-Kultur in Jugoslawien ist so ein Thema für sich. Die haben doch sehr stark die Engländer abgekupfert. Dann haben sie sehr schnell so Refrains gehabt, bei denen alle mitgröhlen und die Musik basiert doch sehr auf Rock & Roll, mehr so von den Rolling Stones. Ich habe kaum etwas gefunden das mir überhaupt gefällt. Ich kann eigentlich sehr wenig mit der Musik aus Jugoslawien anfangen.
Ich habe aber 1991 einen Film in der DDR gedreht und hatte das Glück, indirekt eine DDR-Punkband zu treffen. Das war bei der ersten freien Wahl 1991 als wir den Film drehten. Das war de fakto noch DDR. Wir hatten die ganze Zeit auf der Fahrt eine Kassette von Feeling B im Auto laufen und der Chef oder eine der Hauptfiguren von denen hieß Aljoscha. Der ist ziemlich bekannt und legendär gewesen in der Szene. Den hab ich dann tatsächlich am letzten Drehtag in Ost-Berlin in einem besetzten Haus aufgetrieben , wo er ganz alleine in einem großen leeren Haus, im 3. Stock, in einem ganz leeren Zimmer saß. Alles war abbruchreif und er saß da mit gefärbten, langen Haaren und war ganz dürr und wirkte völlig zerzaust und nervös und er hat gesagt er will auf keinen Fall ein Interview geben, nee nee, hätte er keine Lust zu. Der ist dann kurze Zeit später gestorben. Der galt als der Kopf bei Feeling B und die haben mir schon etwas gesagt als Band. Es hat mich eigentlich gewundert, daß die als Band in der DDR existierten. Die haben ja auch eine der letzten Platten auf Amiga herausgebracht. Die Musik die da drauf ist war überhaupt nicht, na ja, DDR-typisch. Das hat mich sehr gewundert.


Und von anderen benachbarten Ländern wie vielleicht Österreich, Schweiz, Benelux oder auch der DDR?

Na in der Schweiz natürlich Kleenex, Grauzone und später dann Yello. Die Young Gods und Yello waren ja superpopulär in Europa. Grauzone hatten ja auch einen großen Hit. In Frankreich gab´s ein bißchen was, in Holland einiges. Aus dem Osten gab´s nicht viel oder man kam man nicht an die Sachen heran oder die Bewegung verlief da auch anders. Für uns war es natürlich ganz klar England und Amerika, das waren die wichtigsten Inputs und das reichte ja auch schon...man kam ja mit dem Platten sammeln überhaupt nicht mehr hinterher. Wöchentlich 20 neue Platten, wo sollte man das ganze Geld hernehmen. Man wurde ja sozusagen zum Junkie, man musste ja seine Plattenanlage verkaufen um neue Platte zu kaufen (lacht), nur um Singles zu kaufen beim Dealer an der Ecke: „Haste mal ne neue Scheibe? - Ja, hier,...ganz selten!“ (lacht)


Was hältst du von der ganzen Aufarbeitung der deutschen Punkvergangenheit mit dem Teipel-Buch, der Ausstellung „Zurück zum Beton“ und was erwartest du vom Punk! Kongress? Ein Kritikpunkt ist ja immer der, dass Punk durch solche Projekte „musealisiert“ wird.

Für mich ist es logisch, dass wenn ich sage, ich denke heute noch so an die selben Ideale wie früher und versuche das immer noch einfließen zu lassen in allem was ich mache, auch wenn es logisch ist, dass ich heute andere Songs schreibe als wie „Zurück zum Beton“ und auch andere Filme mache, das ich eine Auseinandersetzung mit Punk heute auch logisch und richtig finde. Das Buch, die Austellung und auch der Kongress, den ihr veranstaltet... ich habe mir eure Homepage natürlich angeschaut...finde ich tausendmal besser wie diese Hau-Ruck-Aktionen in irgendwelchen Zeitungen oder bei MTV/VIVA. Das sind Geschichten wo mal kurz versucht wird ein Revival darzustellen, weil es gerade en vogue ist. Ich sehe da schon Unterschiede zum Buch, der Ausstellung und zu euch. Ich glaube auch nicht, dass man das dann eine „Musealisierung“ nennen sollte sondern eher eine Bewußtmachung von dem was da ist. Ich stand von Anfang an hinter Teipels Buch und habe mich gefreut, dass es überhaupt herauskam. In der Richtung gab es ja schon mehrere Ansätze und die sind meist gescheitert. Da macht man sich Arbeit und triftt sich und dann wird nichts draus.Da hab ich mich sehr gefreut, dass das Jürgen a) in eine so tolle Form gebracht hat und b) auch einen guten Verleger gefunden hat. Bei der Ausstellung fühlte ich mich natürlich irgendwo sehr geschmeichelt, dass da mein Songtitel verwendet wurde. Ich hätte die Ausstellung zwar anders gemacht, aber wenn man die Umstände kennt, kann man froh sein, dass sie überhaupt zustande gekommen ist. Es war dann doch alles sehr knapp. Zum Punk! Kongress muss ich sagen, daß ich einige der Namen überhaupt nicht kenne und manche nicht so gut. Alfred Hilsberg und Mark Perry kenne ich natürlich. Mark Perry war sogar einer der ersten die ich überhaupt kennengelernt habe. Sogar einmal persönlich, 1978, Backstage bei entweder den Adverts oder den Undertones. Er kann sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern, aber ich mich an ihn, ich hab ihn nämlich damals fotografiert (lacht).

Prinzipiell stehe ich schon hinter so etwas wie dem Punk! Kongress... das wäre anders, wenn es sich um die Oi!-Tage von Stuttgart handeln würde (lacht).

Das Interview führte Stefan Conrad im Juni 2004

© Schmidt productions GmbH 2004

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